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Die Geschichte einer Fluchtkiste

Die Geschichte einer Fluchtkiste

Von Graslitz im Westen von Böhmen nach Winnenden

Nach fast 80 Jahren bin ich nun im Stadtarchiv Winnenden gelandet und hoffe, dass die Menschen mich eines Tages in einer Ausstellung bestaunen können.  

Ich will euch meine bewegte Geschichte erzählen:

Der Baum, aus dem meine Bretter gesägt wurden, ist bei Graslitz im Westen von Böhmen gewachsen. Nach dem verlorenen II. Weltkrieg wurden ca. 12 Millionen Deutsche aus ihrer Heimat im Osten vertrieben. Die Ankündigung kam kurzfristig. Schnell wurden viele Holzkisten hergestellt, um die 50 kg Gepäck pro Person für den Transport zu verstauen. Familie Scherbaum hatte zwei solcher Kisten für alles, was sie aus dem gesamten Hausstand mitnehmen durften. Mit Tränen in den Augen verabschiedeten sich die Bewohner von ihrem Haus und luden mich auf ein Fuhrwerk, das uns alle in ein Lager brachte. Dort durchwühlten mich die Lagerwachen und nahmen sich alles, was sie brauchen konnten. Nach einigen Tagen wurden wir in einen Güterzug verladen. Unten die ganzen Holzkisten, darüber Stroh und dann möglichst viele Personen pro Waggon. Ich war mit Familie Scherbaum und vielen anderen Graslitzern im Waggon Nr. 30, was zuvor mit Farbe auf der Kiste geschrieben wurde. Der ganze Zug fasste um 1.000 Heimatvertriebene. Es war dunkel, nur durch einige Ritzen konnte man nach draußen schauen. Keiner wusste, wo die Reise hingeht. Immer wieder hielt der Zug im freien Gelände und die Leute stiegen aus, um ihre Notdurft zu verrichteten. Es war eine sehr gedrückte Stimmung im Waggon. Manche weinten. Wenn jemand starb, wurde er beim nächsten Halt ausgeladen und zurückgelassen. Die Ernährung war erbärmlich, alle hatten Hunger.

Nach Tagen luden sie mich endlich in Pfaffenhofen in Bayern aus und ein Lastwagen brachten mich wie alle anderen Kisten und Menschen in ein Lager. Einige Tage vergingen, bis ich wieder auf einen LKW und dann in einen Zug verladen wurde. In Winnenden wurden wir endlich ausgeladen.

Was würde uns hier erwarten? War es das Ende der unfreiwilligen Reise?

Wir landeten in der Kochschule und blieben dort einige Tage. Verzweifelt suchten der Bürgermeister und eine Kommission nach Unterkünften in den Häusern. In der Kelterstraße wurde man fündig und brachte uns dorthin. Jetzt wurde ich ganz ausgepackt und diente zuerst noch als Sitzgelegenheit und mangels Schranks auch als Stauraum. Vater Scherbaum fand, wie viele aus der Musikinstrumentenstadt Graslitz, Arbeit bei der Fa. Kohlert, welche wie früher in Graslitz begann auch in Winnenden Musikinstrumente herzustellen. Mit Fleiß und Sparsamkeit konnte nach Jahren mit Hilfe der heutigen BGW ein eigenes Häuschen gebaut werden. Ich führte lange Jahre ein Schattendasein auf der Bühne in der Adalbert-Stifter-Straße. Endlich wurde ich die schmale Bühnenstiege hinabgetragen und ins Stadtarchiv nach Birkmannsweiler gebracht.

Da warte ich nun, wie meine Geschichte weitergeht. Hoffentlich findet sich für mich ein guter Platz, an dem mich Besucher sehen und aus meiner Geschichte lernen können.

Denn jeder Krieg ist ein Krieg zu viel und bringt viel Leid mit sich.

Diethard Fohr

Im Juli 2024

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